April 2009 | Überall Beschilderung

erzählt von Th.S.

beschilderungMan stelle sich vor, das Leben sei wie eine Flasche köstlichen Weines. Einige Menschen lesen die Etikette, andere versuchen den Inhalt.
Ein Lehrer zeigte einmal seinen Schülern eine Blume und forderte sie auf, etwas über diese Blume zu sagen. Eine Weile betrachteten sie sie schweigend. Dann stellten sie sofort Etiketten her. Es kamen philosophische Abhandlungen, Gedichte oder Gleichnisse zustande. Alle waren sehr bemüht, einander auszustechen an Tiefsinn und an Kreativität. Der Lehrer blickte lächelnd auf die Blume und sagte nichts, aber nur er hatte sie gesehen.
Wenn man doch nur einen Vogel, eine Blume, oder einen Baum geniessen könnte, aber wir sind alle so damit beschäftigt die Aufschriften zu lesen oder zu verfassen, dass uns dazu leider keine Zeit bleibt.

März 2009 | Im Laden der Wahrheit

erzählt von Th.S.

Ein Mann kam die Strasse entlang und konnte kaum wahrheitseinen Augen trauen, als er auf einem Schild den Namen eines Ladens sah: „Wahrheitsladen“.

In diesem Laden wurde Wahrheit verkauft. Entschlossen betrat er das Geschäft. Eine sehr höfliche Verkäuferin begrüsste ihn und fragte, welche Art von Wahrheit er kaufen wolle. Die Teilwahrheit oder die ganze Wahrheit. Natürlich wollte er die ganze Wahrheit, keine Trugbilder, keine moralischen Mäntelchen und keine Rechtfertigungen. Nein, er wollte seine ganze Wahrheit. Die Verkäuferin bat den Mann in die Abteilung wo die ganze Wahrheit verkauft wurde. Der Verkäufer dort sah den Mann mitleidig an und zeigte ihm das Preisschild. „Der Preis ist sehr hoch, mein Herr“, sagte er. „Wieviel?“ fragte der Mann, denn er war fest entschlossen die ganze Wahrheit zu kaufen. „Wenn sie diese hier nehmen“, sagte der Verkäufer, „bezahlen sie mit dem Verlust ihrer Ruhe und Gelassenheit und zwar für den Rest ihres Lebens“.

Da verliess der Mann traurig den Laden, denn er hatte gedacht, er könne die ganze Wahrheit billig bekommen. Er sagte zu sich: „ich bin noch nicht bereit für die Wahrheit, ich sehne mich ständig nach Ruhe und Frieden. Ich habe es noch nötig mich mit Rechtfertigungen und moralischen Mäntelchen zu täuschen und ich suche immer noch Schutz bei meinen eigenen Anschauungen, die nicht in Frage gestellt werden“.

Der Fuchs

erzählt von Th.S.

Ein Mann war unterwegs in einem Wald. Plötzlich sah er einen Fuchs, der seine Hinterbeine verloren hatte. Der Mann wunderte sich, er überlegte, wie wohl das Tier überleben konnte. Da sah er nicht weit vom Fuchs entfernt einen Wolf, der an einem gerissenen Wild sich gütlich tat. Als er sich satt gegessen hatte, überliess er dem Fuchs den Rest. Auch an den folgenden Tagen konnte der Mann die gleiche Szene beobachten.

Da sagte er zu sich: „wenn Gott die grosse Güte hat, den Fuchs durch die Hilfe des Wolfes überleben zu lassen, werde auch ich mich ausruhen und auf den Herrn vertrauen, er wird mich nicht verhungern lassen“ – und er setzte sich hin.

Viele Tage wartete er vergebens und war schon dem Tode nahe, als er eine Stimme hörte:“du bist auf dem falschen Weg, folge dem Beispiel des Wolfes und nimm nicht den behinderten Fuchs als Vorbild“. Da erhob sich der Mann und als er die Strasse entlang ging, begegnete ihm ein kleines frierendes Mädchen in einem dünnen Kleidchen, mit grossem Hunger und ohne Hoffnung auf ein warmes Essen. Der Mann wurde zornig und sagte zu Gott:“wie kannst du das zulassen? warum tust du nichts?“ Er bekam keine Antwort. Doch plötzlich in der Nacht, sagte Gott zu ihm: „ich habe doch etwas getan, ich habe dich geschaffen“.

Wohnungsprobleme

erzählt von Th.S.

Eines Tages beschloss ein Floh mit seiner Familie in ein Elefantenohr einzuziehen um dieses als Wohnung zu benutzen. Also sage er: „Herr Elefant, meine Familie und ich haben vor, in ihr Ohr einzuziehen. Ich finde es aber fair, ihnen eine Woche Bedenkzeit zu geben. Wenn sie etwas dagegen haben sollten, lassen sie es mich bitte wissen“. Der Elefant hatte natürlich von der Existenz des Flohs überhaupt nichts gemerkt, so dass der Floh nach einer Woche Wartezeit, die Einwilligung des Elefanten voraussetzte und mit seiner Familie einzog.
Aber schon einen Monat später, fand Frau Floh den Wohnort gar nicht mehr gut, und sie drängte ihren Mann, wieder auszuziehen. Herr Floh sträubte sich dagegen, er bat seine Frau doch noch wenigsten einen Monat zu bleiben, um die Gefühle des Elefanten nicht zu verletzen.
Schliesslich musste er die Nachricht des bevorstehenden Umzugs dem Elefanten so taktvoll wie möglich mitteilen. „Herr Elefant, wir haben vor ihr Ohr zu verlassen, um ein anderes Quartier zu beziehen. Das hat jedoch gar nichts mit ihnen zu tun, denn ihr Ohr ist schön gross und warm. Es handelt sich nur darum, dass meine Frau lieber in der Nähe ihrer Freunde wohnen möchte. Sollten sie aber etwas dagegen haben, lassen sie es mich bitte sobald wie möglich wissen“.
Der Elefant hatte natürlich wieder nichts dagegen…. und die Familie Floh zog mit reinem Gewissen aus.

Das Froschgebet

erzählt von Th.S.

Bruder Bruno wollte sein Nachtgebet sprechen, aber durch das Quaken eines Ochsenfrosches wurde er immer wieder gestört.
Zuerst versuchte er es nicht zu beachten, doch das war umsonst.
Da ging er wütend zum Fenster und schrie in die Nacht hinaus: „Ruhe! ich bete gerade.“
Weil Bruder Bruno ein Heiliger war, wurde sein Befehl sofort befolgt.
Der Frosch verstummte und eine, dem Gebet angemessene Stille kehrte ein.
Doch nun drängte sich ein anderer Laut in Bruder Brunos Gebet – eine innere Stimme, die sagte zu ihm: „Vielleicht gefällt Gott das Quaken dieses Frosches genauso wie dein Gebet.“
„Was kann denn Gott am Quaken eines Frosches gefallen“? erwiderte Bruno spöttisch.
Die Stimme gab nicht nach und fragte: „Warum glaubst du, hat Gott diesen Quaklaut geschaffen?“
Da beschloss Bruno, dies herauszufinden.
Er beugte sich aus dem Fenster und befahl: „Sing!“
Da erfüllte das Gequake des Frosches wieder die Luft und es stimmten alle Frösche in der Nachbarschaft mit ein.
Als Bruder Bruno die Laute auf sich wirken liess und sich nicht mehr dagegen sträubte, klangen die Stimmen gar nicht mehr schrill, sondern verschönerten tatsächlich die nächtliche Stille.
Diese Entdeckung brachte Bruder Bruno in Einklang mit dem Universum und er verstand zum ersten Mal was beten heisst.

Der Rat eines Weisen

erzählt von Th.S.

Es gab einmal ein Gasthaus, das hiess Silberstern. Das Haus war schön und gemütlich eingerichtet, die Bedienung nett und zuvorkommend und auch die Preise hielten sich in vernünftigen Grenzen. Trotz all dieser Vorzüge kam der Gastwirt auf keinen grünen Zweig.

In seiner Verzweiflung frage er einen Weisen um Rat. Als dieser die traurige Geschichte gehört hatte, sagte er zu dem Wirt: „Es ist eigentlich ganz einfach, du musst nur den Namen deines Gasthauses ändern“. „Unmöglich!“ antwortete der Wirt „seit Generationen heisst es Silberstern und das muss so bleiben.“ „Nein“, antwortete der Weise, „du musst es die fünf Glocken nennen und über dem Eingang sechs Glocken aufhängen“. „Sechs Glocken! das ist doch absurd, was soll das bringen?“ „Versuch es doch einmal und warte ab was passiert“, sagte der Weise und lächelte.

Also versuchte es der Gastwirt und Folgendes geschah: Jeder der am Gasthaus vorbei kam ging hinein um auf den vermeintlichen Fehler aufmerksam zu machen. Denn jeder glaubte, ausser ihm habe ihn noch keiner bemerkt. Und weil sie nun in der Gaststube waren, beeindruckte sie die gemütliche Ausstattung und die freundlichen Menschen. Sie blieben da und bestellten sich eine Erfrischung. Das war die Chance, auf die der Wirt so lange gewartet hatte. -Fazit: Nichts beglückt das eigene Ich mehr als die Fehler die andere machen, korrigieren zu können.

Gedankefötzeli

Für ne Momänt
isch me mängisch zfride,
aber nid lang;
me chönnt doch no witer,
möchti no lenger,
wetti no meh!
Gnue isch so weni!
Mier hei nume säute
das, wo mer möchti,
Das wäge dr Logik:
Weme gäng z viu wott,
het me gäng zweni.

M. Staub-Hadorn

Herbstgedanken

Nur ein Blatt

Klein
leicht und zart
spriesst du aus dem Zweig
der dich ernährt und hält

Du grünst in buntem Grün
und gibst Blume
Baum und Strauch
einzigartig Form und Farbe

In deinen Adern
fliesst das Wasser
des Himmels und der Erde

Dein leises Rauschen wächst
im Zusammenspiel mit dem Wind
zur tosenden Sinfonie

Die Luft wird rein
wir atmen durch
frei und tief und unbeschwert

Du spendest Freund und Feind
Kühle in der Glut
bist Schutz und Schirm
bei Regen

Und wenn du
am Abend des Jahres
bunt und brüchig
zur Erde fällst
umsäumt dein
Wunderfarbenkleid
als bunter Teppich
den weiten Fuss des Stammes

So wirst du
auf deinem letzen Weg
zum goldenen Schmuck
der Erde

aus: Urs Lüthi / David Plüss: Farben unserer Erde, Brunnen Verlag

Unsterblichkeit durch die Musik

erzählt von Th.S.

In einem Konzentrationslager lebte ein Gefangener, der zum Tode verurteilt war. Trotz dieser Tatsache hatte er keine Angst.

Eines Tages stellte er sich mitten im Gefängnishof auf und spielte auf seiner Gitarre. Es ging nicht lange, da versammelten sich viele andere Gefangene um ihn, hörten ihm zu und – durch die zauberhafte Musik -, wurden auch sie so furchtlos wie er. Als die Gefängniswärter das merkten, verboten sie dem Mann zu spielen.

Am nächsten Tag stand er wieder im Hof, er sang und spielte aus vollem Herzen und die Menschenmenge um ihn wurde immer grösser. Da kamen die Wärter, schleppten ihn weg und hackten ihm sogar einen Teil seiner Finger ab.

Am andern Tag war er wieder da, er sang und spielte auf seinem Instrument so gut es noch ging. Wieder kamen die Wärter, zerrten ihn fort und zerschlugen seine Gitarre. Doch alle diese Massnahmen waren vergebens.

Der Mann sang am nächsten Tag ein Lied, so rein und beglückend, dass die Menschen um ihn herum in den Gesang einstimmten. Und während sie sangen, spürten auch sie, dass ihre Herzen leicht wurden und ihr Geist unbesiegbar. Dieses Mal wurden die Wärter so wütend, dass sie vor lauter Wut dem Mann die Zunge ausrissen. Da bereitete sich über dem Lager ein Stille aus… eine Ahnung von Unsterblichkeit.

Am Tag darauf war er zum Erstaunen aller wieder da, er wiegte sich tanzend zu Musik, die nur er hören konnte. Da fassten sich alle an den Händen und tanzten um diese blutende, gebrochene Gestalt in der Mitte, während die Wärter wie angewurzelt dastanden….