Februar 2011 | Reden oder Schweigen

erzählt von Th.S.

blog_redenoderschweigenDie Sprache ist ein wichtiges Instrument das uns geschenkt wurde, denn es zeichnet den Menschen aus. Die Sprache ermöglicht Verständigung, Austausch, Kontakte, Verbindungen usw.
Die richtigen Worte zur rechten Zeit können viel bewirken. Sie können lehren, erläutern, trösten, aufmuntern, Mut geben, Zuneigung ausdrücken oder loben.
Doch die Sprache ist auch eine Quelle der Missverständnisse, manchmal verfehlen unsere Worte, seien sie noch so gut gewählt, unsere Absicht. Dann können sie verletzen, demütigen, abwerten und vieles mehr – und dadurch kann viel Schaden entstehen.
Somit stellt für sich für jeden von uns immer wieder die Frage, wann rede und wann schweige ich.

Januar 2011 | Vor der Türe

erzählt von Th.S.

Letzten November verrichtete ich verschiedene Arbeiten im Kirchgemeindehaus. Ich war allein blog_vor_der_tuereund hatte darum auch die Gelegenheit über vieles nachzudenken. Als ich später noch die Blätter vor der Haustüre zusammenkehrte, viel mir ganz spontan das Sprichwort ein „jeder soll vor seinen eigenen Haustüre kehren“.
Ob dieses Sprichwort wohl immer angebracht ist, fragte ich mich – und musste dabei ein wenig schmunzeln. Wenn das nämlich so wäre, würden diese Blätter, die ich gerade zusammengefegt hatte, ja liegenbleiben, weil dieselben nicht vor meiner Haustüre liegen.
Aber Spass beiseite, es gibt doch immer wieder Situationen wo’s vielleicht am Platz wäre, sich nicht nur um die eigenen Belange zu kümmern, sondern ein wenig Zivilcourage zu zeigen, sich für die Schwächeren einzusetzen und Ungerechtigkeiten nicht einfach geschehen zu lassen.
Ich meine damit nicht, sich in alles und jedes einzumischen und dreinzureden – ich meine damit, die Augen offen zu halten und wenn’s nötig wird zu reagieren. Dadurch könnte bestimmt, die eine oder andere Ungerechtigkeit verhindert werden.

Dezember 2010 | Faltenfrei

erzählt von Th.S.

blog_faltenfreiWenn man so wie ich es hin und wieder tue, in einem Modemagazin oder einer Zeitschrift blättert, kann’s einem manchmal fast schwindlig werden. Überall schauen uns perfekt gestylte, faltenfreie Gesichter entgegen. Da wird gecremt, geschminkt, gepudert, gefärbt, gezaubert was das Zeug hält. Das Angebot an Salben, Cremen etc. ist unendlich. Es gibt sie fürs Gesicht, Hals, Oberarme, Unterarme, Hände, Körper, Füsse…, kein Centimeter wird ausgelassen. Natürlich gleich mehrere Produkte für jeden der aufgeführten Körperteile. Nach Meinung der Kosmetikfirmen müssen die Produkte selbstverständlich jeden Tag benutzt werden. Da frage ich mich, wie viel Zeit da noch übrigbleibt, um all die Pflichten und Aufgaben zu erfüllen, die im Laufe eines Tages an uns herantreten.
Als ich im November meinen, eher schon in der oberen Liga befindlichen, Geburtstag feierte, stand ich am Morgen vor dem Spiegel und schaute nach meinen schon und noch nicht vorhandenen Falten. Blitzartig ging mir durch den Kopf, dass meine Schwägerin, die noch relativ jung, kurz vor meinem Geburtstag verstorben war, sich über jede zusätzliche Falte riesig gefreut hätte, weil sie ja dann bei ihren Lieben hätte bleiben dürfen.

November 2010 | Das Geschenk

erzählt von Th.S.

blog_paketEin Sprichwort sagt, kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Bald ist es wieder soweit – Weihnachten – das Fest der Liebe, Freundschaft und Geschenke. Aber was schenken damit es dann auch Freude bereitet?
Schon viele lange Jahre erhalte ich von einer ehemaligen Schulfreundin immer zu Weihnachten das gleiche Geschenk – den Pestalozzi-Kalender. Jedes Jahr fast pünktlich auf den gleichen Tag landet ein in braunes Packpapier eingewickeltes Päckchen in unserem Briefkasten. Anfangs war ich immer sehr gespannt auf den Inhalt dieses Päckchens, aber das legte sich im Laufe der Jahre. Mit dem Päckchen kamen auch meine Überlegungen. Warum jedes Jahr diesen Kalender? ist es vielleicht Gewohnheit, Lieblosigkeit, Gedankenlosigkeit oder Bequemlichkeit? Meine Überlegungen gingen weiter, merkt sie denn nicht, dass ich mir auch Mühe gebe, jedes Jahr etwas Neues, Originelles aufzustöbern, um ihr eine kleine Überraschung zu bescheren.
Doch plötzlich kam mir der Gedanke, dass meine liebe Schulkollegin sehr wohl überlegt, nämlich eine lieb gewordene Tradition einhalten, etwas Beständiges so lassen wie es ist, nicht immer alles ändern wollen. Und ich fragte mich, wie ich wohl reagieren würde, wenn ich dieses Jahr durch irgendwelche Umstände keinen in braunes Packpapier eingepackten Pestalozzi-Kalender in unserem Briefkasten finde würde.

Oktober 2010 | Du musst dich ändern!

erzählt von Th.S.

blog_oktober_10Jahrelang war sie neurotisch, sie war ängstlich, depressiv und selbstsüchtig. Alle Personen aus ihrem Umfeld sagten ihr immer wieder wie schwierig sie sei. Es war ihr zuwider, immer das gleiche zu hören, sie wollte sich ja ändern, brachte es aber nicht fertig so sehr sie sich auch bemühte. Am meisten schmerzte sie, dass ihre beste Freundin sie immer wieder kritisierte und sagte, sie solle sich endlich ändern. Aus Freundschaft pflichtete sie ihr bei, doch sie war so machtlos und ausser Stande an sich zu arbeiten.
Eines Tages aber sagte die Freundin zu ihr: „ändere dich nicht, bleibe so wie du bist, ich mag dich auch so“. Diese Worte klangen wie Musik in ihren Ohren ….ändere dich nicht, ändere dich nicht – ich mag dich auch so….
Und das Wunder geschah, sie fing an sich zu entspannen, sie wurde lebendig und lebensfroh, denn sie wusste ja nun, dass sie geliebt wurde, egal ob sie sich ändert oder nicht.

September 2010 | Sind Sie okay?

erzählt von Th.S.

blog_okDu bist okay, diese Aussage hört sicher jeder gern und fühlt sich dadurch gut, aber wenn Sie sich nur dann erlauben sich gut zu fühlen sobald Ihnen gesagt wird: Du bist okay, schaffen Sie selbst die Voraussetzung dafür, sich schlecht zu fühlen, wenn jemand Sie eben nicht okay findet. Und solange Sie nur dafür leben, arbeiten, sich entsprechend kleiden oder frisieren – kurz, allen lächerlichen Erwartungen anderer entsprechen möchten, kann das sehr belastend sein. Der springende Punkt ist doch, dass Sie weder okay noch nicht okay sind, Sie sind ganz einfach Sie selbst.

August 2010 | Die heutige Sucht auf elektronische Verbindungen

erzählt von Th.S.

blog_handyIm Zug nach Biel sitzt mir gegenüber eine Frau. Die erste Handbewegung nach dem Niedersetzen ist der Griff zum Handy. Nun höre ich Geschichten über Familienprobleme, Kindersorgen und vieles mehr. Aus Höflichkeit bemühe ich mich wegzuhören, aber das ist gar nicht so einfach. Das Danebensitzen ist mir unangenehm und ich bin froh, als mein Gegenüber das Gespräch endlich beendet. Es erstaunt mich immer wieder mit welcher Offenheit am Handy diskutiert wird, gleichgültig wer mithört.
Auf den Strassen sehe ich Menschen mit dem Headset des Handys im Ohr, in endlose Gespräche mit unsichtbaren Teilnehmern vertieft. Auch in Restaurants, beim Einkaufen, gleich wo und wann, es wird ge-„SMS-T“ und telefoniert was das Zeug hält. Die ständige Bereitschaft auf jedes Vibrieren und Läuten des Handys zu reagieren ist meiner Ansicht nach richtiger Stress.
Aber vielleicht wird auch dieses Dauererreichbarsein sich mal wandeln – so wie sich alles immer wieder verändert – und es heisst dann, „nicht erreichbar“, weil der Angerufene sich gerade in einem Gespräch mit einem guten Freund – und zwar von Angesicht zu Angesicht – befindet!

Juli 2010 | Lebensunterhalt

erzählt von Th.S.

blog_lebensunterhaltWas tun wir Menschen ein ganzes Leben lang? Wir kämpfen – und das nennen wir dann überleben. Wenn der Durchschnitts-Schweizer sagt er würde seinen Lebensunterhalt verdienen, unterhält er nicht nur sein Leben, denn er hat viel mehr als er zum Leben braucht. Man braucht nämlich nicht ein tolles Auto, den modernsten Fernseher, die teuerste Kosmetika, einen vollgestopften Kleiderschrank zum leben. Doch jeder Versuch, uns davon zu überzeugen, ist im Voraus zum Scheitern verurteilt. Wir werden täglich durch die Medien und vieles mehr entsprechend beeinflusst. Wir arbeiten, mühen uns ab, um das ersehnte Gut zu bekommen, das für uns dann Glück und Erfolg bedeutet. Sobald wir aber im Besitz dieser Dinge sind heisst es, sie uns zu erhalten. Dazu kommt schon bald der nächste Wunsch an den wir unser Herz hängen und der Kampf um diesen etwas fragwürdigen Lebensunterhalt geht weiter.….

Juni 2010 | Der Schriftsteller

erzählt von Th.S.

blog_schriftstellerEinst lebte ein Schriftsteller, der sehr erfolgreich arbeitete. Seine Bücher wurden weltweit gelesen. Sie begeisterten und berührten die Menschen, denn sie waren einzigartig geschrieben. Der Mann war ein Genie. Ein Schriftstellerkollege beneidete ihn sehr, er versuchte es ihm gleich zu tun, doch irgendwas fehlte seinen Werken, sie wurden nicht begehrt, der grosse Erfolg blieb aus. „Was machst du anders als ich“ wollte er wissen, „warum werden deine Bücher so viel lieber gelesen?“ Der Gefragte dachte lange nach, dann antwortete er: „vielleicht ist es meine Fähigkeit zu erkennen“. „Was erkennen“? „Zum Beispiel den Schmetterling in der Raupe, die Perle in der Muschel, die Blüte in der Knospe, das Kücken im Ei und das Gute im Menschen“.

Mai 2010 | Schubladen

erzählt von Th.S.

blog_schubladeEs gibt eine Geschichte, die handelt von einem Rechtsanwalt und einem Klempner. Der Rechtsanwalt sagt zum Klempner: „Das ist ja unverschämt, sie verlangen pro Stunde Fr. 200.00, soviel verdiene ich ja als Anwalt nicht“. Der Klempner gibt zur Antwort: „Als ich noch Anwalt war, habe ich das auch nicht verdient“.
Ob man Geschäftsmann, Arzt, Klempner oder Anwalt ist, hat nichts mit dem eigentlichen ICH zu tun. Wenn einer sich beruflich verändert, dann ist es vielleicht so, als würde er seine Kleidung wechseln. Er selbst bleibt aber derselbe. ER, ist nicht seine Kleidung, nicht sein Beruf und auch nicht sein Name. Sich mit alldem zu fest zu identifizieren bringt nichts, denn das kann plötzlich alles anders sein. Wenn man das begriffen hat, kann man auch besser mit Kritik oder Lob umgehen. Der ist super oder jener ist unmöglich… von was wird da gesprochen? Etwa von den Schubladen, in die man nach belieben gesteckt wird? und die hängen von den Massstäben ab, die die Gesellschaft setzt. Schubladen haben aber nichts mit dem ICH zu tun, denn das ICH passt in keine dieser Schubladen.

April 2010 | Die Familie

erzählt von Th.S.

blog_familieEine Familie sass am Mittagstisch. Eine lebhafte Unterhaltung war im Gange, als plötzlich der ältere Sohn um Ruhe bat. Er habe eine Mitteilung zu machen verkündete er und strahlte, „ich werde unsere Nachbarin heiraten“. Betretenes Schweigen, lange Gesichter… Endlich meldete sich der Vater, mit strenger Stimme sagte er zum Sohn: „ihre Eltern waren arm, die haben ihr nichts hinterlassen“. Der Sohn schwieg. Auch die Mutter meldete sich zu Wort: „die hat überhaupt kein Erspartes“, der Sohn schwieg. „Sie kleidet sich unvorteilhaft und ist zu stark geschminkt“ sagte die Grossmutter. Der Sohn schwieg. Auch die Schwester hatte einen Einwand: „die komische Frisur die sie trägt, ich habe noch nie jemand mit einer solchen Frisur gesehen“.
Endlich nach langem Schweigen antwortete der Sohn: „Das mag ja alles stimmen was ihr da sagt, aber sie hat verglichen mit uns einen grossen Vorteil.“Was für einen Vorteil?“ wollten alle wissen. „Sie hat keine Familie“…

März 2010 | Lebensqualität

erzählt von Th.S.

Er war ein ziemlich schwblog_ein_gezaehmter_rebellieriger Mensch. Er dachte und handelte total anders als die meisten. Alles wurde von ihm in Frage gestellt. Für viele war er ein Rebell, für einige vielleicht ein Held. Also wurde beschlossen, dass dieser Mensch sozialisiert werden müsse. Er wurde gelehrt auf die öffentliche Meinung Rücksicht zu nehmen, die Handlungen anderer zu respektieren und sich anzupassen. Nun war es plötzlich nicht mehr schwierig mit ihm zusammenzuleben, er war ja jetzt angepasst. Er wurde dafür gelobt und zu seiner gelernten Gelassenheit und Selbstbeherrschung beglückwünscht. Er freute sich darüber und begann sich selbst zu gratulieren. Er merkte nicht, dass er jetzt von der Gesellschaft beherrscht wurde und gelehrt worden war, den Erwartungen anderen zu entsprechen.

Januar 2010 | Der Störefried

erzählt von Th.S.

In einer Stadt, weit von hier, lebte ein besonderer Mann. Er wurde von (fast) allen Leuten blog_stoerefriedwelche ihn kannten oder von ihm gehört hatten, geachtet und geehrt. Seine Ratschläge, seine Taten, seine Ehrlichkeit und sein Mut wurden bewundert. Jedesmal wenn der Mann in der Öffentlichkeit sprach, hingen die Menschen wie gebannt an seinen Lippen.
Doch eines Tages mischte sich ein ganz besonderer Kauz unter die Zuhörer. Ein unangenehmer Kerl, der keine Gelegenheit ausliess, mit Zwischenrufen dem Mann zu widersprechen. Er beobachtete die Schwächen des Redners und machte sich über seine kleinsten Fehler lustig. Allmählich wurde das den Zuhörern zuviel, sie beschimpften den dreisten Kerl und warfen ihn auf die Strasse. Doch dieser liess sich nicht fortschicken, überall wo der Mann seine Vorträge hielt, war auch dieser Störenfried dabei.
Doch plötzlich erschien er nicht mehr. Natürlich wurde sofort nachgefragt und nachgeforscht nach dem Wieso und Warum. Dabei erfuhren sie, dass der Ketzer (so wurde er auch genannt) erkrankt sei und zwar so schlimm, dass er kurze Zeit später verstarb. Die Anhänger des Mannes waren darüber nicht allzu traurig, nein, im Grunde ihrer Herzen sogar ein wenig froh, denn nun wurde ihr Idol nicht mehr kritisiert. Um so erstaunter waren sie aber, als sie sahen, dass der verspottete und gehänselte Mann ehrlich trauerte. Auf ihre Frage, warum ihm der Tod des Kerls so nahe ginge, erklärte er ihnen: „Ich bin besorgt um mich, denn er war ein richtiger Freund. Ihr alle verehrt mich, er aber war der Einzige, der mich herausforderte. Ich habe nun richtig Angst, nicht mehr weiter zu wachsen, weil er für immer fortgegangen ist.“

Dezember 2009 | Lebensqualität

erzählt von Th.S.

Vor einigen Tagen sass ich in einem Restaurant, am Nebentisch unterhielten sich zwei Personen blog_lebensqualitaetüber das Thema Lebensqualität. Das Gespräch wurde so laut geführt, dass es nicht zu überhören war. Da ging es um ein neues grösseres Haus, da das bestehende zu eng und zu wenig modern sei. Das steigere auch die Lebensqualität wurde gesagt. Und dann ging es weiter… Sie diskutierten über Ferienreisen, Kreuzfahrten und vieles mehr.
Die Ansichten der beiden waren gleich. Ich hatte den Eindruck, dass sie unter Lebensqualität dasselbe verstehen. Später fragte ich mich, was ist eigentlich Lebensqualität?
bedeutet es, ein grosses Haus zu besitzen, viel teuren Schmuck und Kleider, grosse Events zu
besuchen, weite Reisen zu unternehmen in ferne Länder wo immer die Sonne scheint, ein Schiff auf dem See, ein Ferienhaus in den Bergen, steigert das die Lebensqualität? oder ist es vielleicht Gesundheit, Zufriedenheit, Zeit für die Familie, Zeit für seine Kinder oder ganz einfach einen Spaziergang durch den Wald, ein gutes Buch lesen, schöne Musik hören, mit guten Freunden zusammensitzen?
Ich bin zum Schluss gekommen, Lebensqualität ist wahrscheinlich individuell, etwas ganz Persönliches, das man nicht verallgemeinern kann.

Oktober 2009 | Pech oder Glück?

erzählt von Th.S.

blog_pech_oder_glueckEin Bauer mit einem kleinen Hof besass nur ein Pferd für die Feldarbeit. Eines Tages entfloh das Tier in die nahen Berge. Alle Nachbarn bedauerten den Mann, den ohne sein Pferd, konnte die Arbeit auf dem Felde nicht erledigt werden. Der Mann aber blieb ganz gelassen, er sagte nur: „Pech? Glück? wer weis?
Eine Woche später kehrte das Pferd zum Hof zurück in Beleitung einer Herde Wildpferde. Die Nachbarn gratulierten und freuten sich über diese unverhoffte Wendung. Der Mann blieb ganz ruhig und sagte nur: „Pech? Glück? wer weis?
Einige Zeit später versuchte der Sohn des Bauern eines der Wildpferde zu zähmen. Er viel vom Pferd und verletzte sich schwer. Das Mitgefühl der Nachbarn war gross, sie sorgten sich sehr. Doch der Bauer sagte wieder: „Pech? Glück? wer weis?
Gerade zu dieser Zeit sollte der junge Bursche ins Militär eingezogen werden, um in einem Kriegsgebiet Hilfe zu leisten. Natürlich war dies unter diesen Umständen nicht möglich: Glück? Pech? wer weis?

September 2009 | Der Adler

erzählt von Th.S.

Bei einem Spaziergang in den Bergen fand ein Mann ein Adler-Ei. Er hob es auf und beschloss, blog_adlerden seltenen Fund nach Hause zu nehmen und ihn in seinem Hühnerstall einer Henne ins Nest zu legen zum Ausbrüten. Tatsächlich schlüpfte zeitgleich mit den Kücken auch der kleine Adler aus und wuchs mit ihnen auf. Er benahm sich wie die Hühnchen weil er im Glauben war, er sei genau wie sie. Er kratzte die Erde auf, um nach Würmern und Insekten zu suchen und gackerte genau so wie seine, wie er glaubte, Artgenossen. Ab und zu hob er seine Flügel und flog ein kleines Stück wie die Hühner. Die Zeit verging, der Adler wurde sehr alt. Eines Tages als er wieder im Hühnerhof kratzte und scharrte, sah er einen wunderschönen herrlichen Vogel am wolkenlosen Himmel kreisen. Anmutig schwebte er durch die Lüfte, fast ohne mit seinen kräftigen Flügeln zu schlagen. Verzaubert schaute der alte Adler diesem wunderbaren Schauspiel zu. „Wer ist das?“ fragte er seinen Nachbarn. „Das ist der Adler, der König der Lüfte“ antwortete dieser. „Aber du musst dich nicht so aufregen, wir beide können da nicht mithalten, wir sind von anderer Art.“ Der alte Adler beruhigte sich und dachte nicht weiter an diesen prachtvollen Vogel. Er starb in dem Glauben, ein Huhn im Hühnerhof zu sein.

August 2009 | Die gute Fee am Fluss

erzählt von Th.S.

die_gute_feeJemand fragte ein mal: „Wie ist es denn, erleuchtet zu sein?“ oder „wie ist es, wach geworden zu sein?“ Ist es vielleicht wie mit dem Landstreicher am Fluss?
Ein Landstreicher hatte sich für die Nacht am Ufer eines Flusses niedergelassen. Er war müde und hungrig, denn er hatte den ganzen Tag kaum etwas zu Essen bekommen. Ein leichter Nieselregen drang durch seinen dünnen, zerschlissenen Mantel, den er fest um seinen Körper geschlungen hatte.
Als er gerade am Einschlafen war, näherte sich auf einmal ein Rolls-Royce mit Chauffeur dem Flussufer. Der Wagen hielt an und eine junge, hübsche Dame stieg aus. Sie hatte Mitleid mit dem Landstreicher. Spontan lud sie ihn ein, die Nacht in doch in ihrem Haus zu verbringen. Der Mann liess sich nicht zwei Mal bitten, freudig und erwartungsvoll stieg er in das vornehme Fahrzeug. Sie kamen zu einer schönen, grossen Villa, die in einem wunderbaren weiten Park stand. Ein Angestellter öffnete ihnen die Tür und die Dame wies ihn an, ihren Gast in eines der Gästezimmer zu führen und gut zu versorgen.
Später begab sich auch die junge Frau auf ihr Zimmer. Sie wollte sich gerade hinlegen, als ihr plötzlich der Übernachtungsgast einfiel und sie beschloss, nochmals nach ihm zu sehen. Also, zog sie sich etwas über und ging zum Gästezimmer. Leise klopfte sie an die Tür und trat ein. Der Mann war noch wach und schaute sie etwas überrascht an. Sie sagte zu ihm: „ist alles in Ordnung, war das Essen gut und ist das Bett warm genug?“ „Ja ja“, erwiderte der Mann, „in meinem ganzen Leben habe ich kein besseres Essen gehabt und noch nie ein so schönes weiches und warmes Bett!“ Da lächelte die Frau ihn an und fragte: „vielleicht brauchen sie noch ein bisschen Gesellschaft um besser einschlafen zu können, soll ich ein Viertelstündchen zu ihnen kommen“ – und sie rückte ziemlich nahe an ihn heran, auch der Mann rutschte näher und näher – und fiel in den Fluss…

Juli 2009 | Der Löwenzahn

erzählt von Th.S.

Mit viel Liebe, Hingabe und Geduld pflegte ein Hobbygärtner seinen Gemüse- und blog_loewenzahnBlumengarten. Auch dem Rasen vor seinem Haus galt seine ganze Aufmerksamkeit. Alles gedieh wunderbar. Die Blumen – eine Augenweide, das Gemüse – knackig und schön, sogar der Rasen fühlte sich an wie ein dichter weicher Teppich. Immer wieder betrachtete der Gärtner voller Stolz und Freude sein Werk.
Doch eines Tages, entdeckte er in seinem wunderschönen Rasen etwas Störendes. Bei näherer Betrachtung stellte sich heraus, dass es sich um eine Löwenzahnpflanze handelte. Unkraut in seinem perfekten Garten! das konnte er nicht zulassen. Sofort entfernte er die Pflanze, aber am nächsten Tag war eine andere da. Sie vermehrten sich von Tag zu Tag.
Der Mann versuchte alles nur Denkbare um dieses lästige alles zerstörende Grünzeug loszuwerden – aber nichts half. Schliesslich wusste er sich nicht mehr zu helfen und schrieb an das Landwirtschaftsministerium. Er zählte auf, was er alles versucht habe, um das Unkraut loszuwerden. Seinen Brief schloss er mit der Frage „was soll ich nur tun?“ Nach einiger Zeit kam die Antwort: „wie wär’s, wenn sie versuchten, den Löwenzahn schön zu finden und ihn zu akzeptieren?“

Juni 2009 | Glückssträhne

erzählt von Th.S.

blog_gluecksstraehneEin Mann und seine Frau wurden von Freunden zu einem Pferderennen mitgenommen. Die beiden waren fasziniert von der Stimmung und dem Anblick der um die Wette rennenden Pferde. Sie beschlossen, auch auf die Pferde zu wetten und hörten nicht auf, bis sie nur noch 20 Franken besassen.
Am nächsten Tag bat der Mann seine Frau, ihn doch alleine zum Rennen gehen zu lassen. Ein Pferd war am Start, das zu den Favoriten zählte. Der Mann setzte seine restlichen 20 Franken auf das Pferd – und gewann. Aus lauter Freude am Gewinn, setzte er beim nächsten Rennen wieder alles Geld ein und wieder gewann er. Es ging den ganzen Abend so weiter und zum Schluss hatte er ein kleines Vermögen beisammen. Später, auf dem Heimweg, kam er an einem Spielsalon vorbei. Eine innere Stimme, er glaubte es sei die gleiche die er schon beim Wetten auf der Rennbahn gehört hatte, sagte zu ihm: „geh hinein“. Also blieb er stehen und ging hinein, geradewegs zu einem Roulettespiel. Die innere Stimme sagte zu ihm: „setz auf die Nummer 13“. Der Mann gehorchte und setzte sein ganzes Vermögen auf diese Nummer. Das Rad drehte sich, der Groupier gab die Nummer bekannt – es war die 14. Der Mann musste nun mit leeren Taschen seinen Heimweg antreten. Zu Hause angekommen, fragte seine Frau: „und wie ist es gelaufen?“ Der Mann zuckte mit den Schultern: „ich habe die 20 Franken verloren“.

Mai 2009 | Das Privileg der Schnecke

erzählt von Th.S.

Auf einem grossen Bauernhof wurden die Tiere, die dort lebten, immer unzufriedener. Sie schneckebeschlossen, eine Versammlung abzuhalten um über ihre Situation zu diskutieren. Es gab viel zu berichten. Das wichtigste Thema aber, waren bei dieser Zusammenkunft die Menschen. „Wir werden von ihnen ausgebeutet“ sagte die Kuh. „Sie nehmen mir einfach meine Milch weg“. „Das stimmt“ erwiderte das Huhn, „auf meine Eier, die ich mit viel Müh und Not lege, machen sie richtig Jagd, ohne mich zu fragen“. Da grunzte das Schwein: „Das geht ja noch, aber mir trachten sie nach dem Leben, und nur, um mein Fleisch zu Wurst und Speck zu verarbeiten“. Auch die Biene beklagte sich sehr, mit weinerlicher Stimme sagte sie: „Mühsam trage ich den ganzen Sommer Nektar zusammen und wenn ich dann zufrieden und stolz die mit Honig gefüllten Waben betrachten möchte, schwupp, sind sie weg“. So ging das Klagen weiter, jedes Tier konnte etwas zu dem Thema beitragen.

Als die Stimmung der Tiere auf dem Nullpunkt angekommen war, hörten sie die Schnecke, die sich während der Versammlung zu ihnen gesellt hatte, triumphierend sagen: „Ich habe etwas, das diese Menschen gerne hätten und zwar mehr als alles andere, sie würden es mir noch so gerne wegnehmen, wenn sie könnten. Ich habe nämlich Zeit, viel Zeit…..“